Altes Gymnasium Bremen

Stadtführung auf Italienisch durch Gymnasiastinnen - Bremen mal auf Italienisch

Unter das Publikum, in dem sich auch ziemlich viele Schulkameradinnen und -kameraden der Italienisch-Klasse befinden, haben sich auch die beiden Italienisch-Dozenten Angelo Papasidero, der auch ein talentierter cantautore, also singer/songwriter ist, und Francesca Montinaro gemischt. Nachdem sie herzlich ihre Kursus-Teilnehmer begrüßt haben, zeigen sie sich durchaus beeindruckt davon, wie versiert die Primanerinnen und Primaner auf Italienisch durch die Stadt führen. Und alle bleiben während dieser einen Stunde dabei, obwohl ein eisiger Herbstwind über den Marktplatz fegt. Die Hansestadt hat mit rund 3 000 Zugewanderten eine große italienische Gemeinde. Eine von ihnen ist Fausta Frontine, die vor 60 Jahren, wie könnte es anders sein, wegen Amore, also der Liebe wegen, aus Varese, einer lieblichen Stadt in der Nähe des Comer Sees, nach Bremen kam. „Junge Leute sehen die Stadt mit anderen Augen, ich bin gespannt, ob ich mit ihnen etwas Neues entdecken kann“, sagt die Bremerin mit italienischen Wurzeln.

Ebenso groß, wenn nicht noch größer ist die Gemeinde der Italienfans in Bremen. Italienisch zu sprechen gilt als chic. Bereits seit 15 Jahren lernt Barbara Junike an der Volkshochschule die Sprache, die so melodisch wie Musik ist: „Ich genieße es, Italienisch zu sprechen“, betont sie und eine ihrer Kursus-Kolleginnen, die sich um einige Minuten verspätet hat, entschuldigt sich in fließendem Italienisch: „Mi dispiace, io sono in ritardo!“ Eine Italien-Enthusiastin ist auch Lotte Edzard, die sehr gut die Landessprache spricht und sich vor allem für die reiche Kultur des „bel paese“ südlich der Alpen begeistern kann. „Wenn Austauschschüler aus Italien nach Bremen kommen, dann können sie sich ja gleich von den Gleichaltrigen aus Bremen durch die Stadt führen lassen“, schaut das Mitglied der Deutsch-Italienischen Gesellschaft voraus. Und Vivian aus Rönnebeck, die gerade eben, gemeinsam mit Moritz aus Findorff, mit kräftiger Stimme durch die Böttcherstraße geführt hat, berichtet, und ein wenig Stolz schwingt in ihrer Stimme mit: „Wir haben auch schon Austauschschüler aus Mailand auf Italienisch geführt. Das ist schon eine aufregende Sache, Touristen die Stadt zu zeigen und dabei zu lernen, die eigene Stimme richtig einzusetzen“, räumt sie ein. Weshalb Sie Italienisch lernt? „Meine Mutter ist Italienerin und kommt aus der Nähe von Brindisi. So hatte ich immer schon eine Verbindung zu der Sprache“. „Avvicinativi“, „kommt näher“, heißt es während der Führung immer wieder, denn die Straßenbahn macht doch zu viel Lärm.

Eva und Rikka beginnen am Dom mit ihren historischen Ausführungen, nicht ohne den Stilmix des gewaltigen Gebäudes zu erwähnen. Und dann ist da natürlich noch die schaurige cantina del piombo, will sagen: der Bleikeller. Johanna berichtet über den Bremer Orlando, wie der Roland auf Italienisch heißt, das Symbol der Freiheit und Unabhängigkeit der Hansestadt. Paula und Alma bringen den Umstehenden Bremens gute Stube näher, nicht ohne dabei die einstige Kontroverse um die moderne Glasfassade der Bürgerschaft, als Symbol für die transparente Demokratie, zu erwähnen. Aurora widmet sich dem Unesco-Weltkulturerbe des von Lüder von Bentheim im Stil der Weser-Renaissance erbauten Rathauses.

„La via del botaio“, das klingt doch gleich so melodisch wie italienische Opernmusik und gar nicht so nüchtern wie „Böttcherstraße“. „In den Fässern wurden Wein und Lebensmittel transportiert“, berichtet Vivian auf Italienisch. Und Moritz erzählt, ebenfalls auf Italienisch, die Geschichte des goldenen Lichtbringers, den Bernhard Hoetger und Ludwig Roselius 1936 am Beginn der Böttcherstraße als Hommage an Adolf Hitler anbringen ließen. Der Diktator konnte allerdings so gar nichts mit dem Lichtbringer anfangen. Vivian stellt ein wenig später das Paula Modersohn-Becker Museum vor, das Hoetger und Roselius 1927 der Pionierin der modernen Malerei weihten. Am Ludwig Roselius Museum würdigt Moritz dann Bremens ganz eigenen Campanile vor: Das Glockenspiel, das 30 Campane, also Glocken hat.

Als entarteter Künstler wurde vom Nazi-Regime auch der Bildhauer Gerhard Marcks verfemt. Zum Dank dafür, dass Bremen ihm die Treue hielt, schenkte er der Hansestadt die wie eine Pyramide klar geformte Bronze-Statue der Bremer Stadtmusikanten, wie Enrico Lintze später selbst erläutern wird. Aber auch Bremens sozialdemokratischer Bürgermeister Wilhelm Kaisen konnte der Skulptur wenig abgewinnen, weshalb die Stadtmusikanten ihren Allerwertesten dem Rathaus zeigen. Wäre es anders gekommen und hätten sie ihre Gesichter dem hohen Haus zuwenden dürfen, wäre immerhin zu bedenken gewesen, dass sie das im Märchen gerade auch beim Haus der Räuber getan hätten... schmunzelt Lintze. Schon zuvor hatte Emma aus Findorff das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten auf Italienisch erzählt. Für Lintze besitzt es, Stichwort Pflegenotstand, große Aktualität: „Geht es doch darum, dass anhand von allegorischen Figuren erzählt wird, wie mit den Alten in einer Gesellschaft umgegangen wird. Und auch darum, weshalb jemand emigriert, weil er oder sie sich an einem Ort nicht mehr wohl fühlen“.

Stadtteilkurier vom 4.10.18 ... 19.11.2018

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